Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 23-10-2001, 12:03   #1 (permalink)
starlight
 
Stempeldrehungen, Dezentrierungen, Zainenden - ein kleiner Überblick

Als häufigste Formen abweichender Prägungen kommen sogenannte Stempeldrehungen vor. Dreht man zum Beispiel eine Markstück um die Längsachse, müssen korrekterweise Wertziffer und Adler „gerade“ stehen.

Dreht man dagegen eine französische Münze oder auch die meisten Prägungen aus den Niederlanden oder der Schweiz in gleicher Weise, steht die Rückseite "auf dem Kopf"; also um 180 Grad gedreht. Deutsche Münzen, die versehentlich diesen Effekt aufweisen, werden auch als "französische Prägungen" bezeichnet.

Solche Stempeldrehungen, mit Fehlstellungen der Vorder- zur Rückseite von 10 Grad bis 350 Grad, kommen bei allen Werten gelegentlich vor, und sie wirken um so interes-santer, je näher die Abweichung bei 180 Grad liegt. Zu den Jahrgängen mit einer grö-ßeren Zahl von Stempeldrehungen gehören die 1-PF-Münzen 1972 G, die 2-PF-Münzen 1986 D oder auch die 5-PF-Münzen 1995 F.

Eine zweite Abart sind Dezentrierungen. Dabei hat der Stempel den Rohling nicht "mittig" getroffen, und die Münze ist nur teilweise beprägt. Seltenheit und Wert steigen mit dem Prozentsatz der Verschiebung.

Weiter kommt es vor, daß ein Prägestempel zweimal hintereinander auf das Münz-plättchen schlägt und das Abbild einer leicht verschobenen Doppelprägung hinterläßt. Diese Stücke sind oft nur unter einer Lupe zu erkennen; mit bloßem Auge fallen sie nur dem erfahrenen Sammler auf. Beispiele: Adlerseiten bei einer Reihe von 1-DM Münzen 1987 F und 1994 F.

Von der Doppelprägung zu unterscheiden sind die Doppelsenkungen. Dabei handelt es sich um Teile des Münzbildes (z. B. Münzzeichen, Jahreszahl oder Wertziffer), die auf der Münze ebenfalls doppelt wiedergegeben werden. Im Gegensatz zur Doppel-prägung handelt es sich hier jedoch um einen Fehler des Stempels, der sich mitunter auf einer größeren Zahl ausgeworfener Münzen widerspiegelt, z. B. 5-PF 1974 F, 50-PF 1992 F und 2-DM-Erhard 1988 F.

Als nächstes gibt es Münzen, die auf einer Seite spiegelverkehrte Konturen der ande-ren Seite aufweisen. Diese Lichtenrader Prägungen entstehen, wenn Prägestempel versehentlich aufeinanderschlagen, ohne daß eine Münze dazwischen liegt. Durch die tonnenschwere Wucht des Aufpralls entstehen Schlagspuren im Relief des Präge-stempels, die sich auf den nachfolgend geprägten Münzen seitenverkehrt wiederfinden. Sogar bei Gedenkmünzen sind solche "Pannen" ausgegeben worden (5-DM-Münze "Karl Marx" und 10-DM-Münze "Hamburger Hafen" ). Der Hinweis auf den Berliner Stadtteil ist darauf zurückzuführen, daß dort mehrere 5-DM-Stücke 1975 G aufgetaucht sind, die diese Fehlprägung aufwiesen und daß diese - an sich nicht neuen Verprägun-gen - erstmals nennenswerte Beachtung fanden. So gibt es Lichtenrader Prägungen z. B. bei einigen 50 PF-Münzen von 1973 G. Die Kontur der Null aus der Wertziffer zeichnet sich schemenhaft vor dem Bauch der jungen Frau ab, die plötzlich zur „schwangeren Pflanzerin“ wird.

Um eine Schrötlingsverwechslung handelt es sich, wenn Rohlinge versehentlich in die Prägeform eines vom Durchmesser her größeren Münzwertes gelangen und be-prägt werden. So kann es vorkommen, daß auf einem 5-PF-Rohling das nicht ganz vollständige Abbild einer 10-PF-Münze erscheint.

Gelegentlich finden sich auch Münzen, bei denen Teile des Münzbildes, z. B. Münzzeichen oder Ziffern der Jahreszahl nicht mitgeprägt worden sind. Diese unvollständigen Prägungen sind oftmals auf kleine Öltropfen zurückzuführen: Um die Kapazitäten der Prägeautomaten nutzen zu können - im Kleinmünzenbereich beträgt die Leistung bis zu 800 Stück pro Minute - werden die Ränder der Rohlinge zur besseren Gleitfähigkeit mit einem dünnen Ölfilm besprüht. Bei fehlerhafter Funktion dieser winzigen Düsen kann schon mal ein Öltropfen auf den unbeprägten Rohling gelangen. Da sich dieser Öltropfen auch unter extremem Druck nicht zusammenpressen läßt bleibt die entsprechende Fläche auf der fertigen Münze frei.

Es kommt auch vor, daß Rohlinge. ohne Prägung ausgeworfen werden und in den Umlauf gelangen.

Schrötlinge werden aus vorgefertigten Walzblechen ausgestanzt. Unterschiedliche Anforderungen sind anschließend mit dem Aufstauchen des Randstabes verbunden. Handelte es sich um eine BRD-Kleinmünze konnte der Rand abgerundet sein. Bei den größeren Werten musste der Rand flach und für das Prägen einer Randinschrift vorbereitet sein. Beim Aufstauchen durchläuft ein Rohling mehrmals eine Kammer, in der zwei gegenläufige Backen mit dem nötigen Druck auf die Randbereiche einwirken. Kommt es zuvor beim Ausstanzen der Schrötlinge zu Überlagerungen der Stanzlöcher, und damit zu nicht mehr kreisrunden Münzplättchen, werden diese Verprägungen spätestens während des Stauchvorganges ausgesondert. Handelt es sich jedoch lediglich um ein kleines „Zainende“ (ein „Halbmond“ fehlt an einer Stelle der Münze). kann es passieren, daß solche fehlerhaften Ronden auch den späteren Prägeprozeß und das Rollieren überstehen und in den Umlauf gelangen.

Im Hinblick auf diese und andere Fehlprägungen werden natürlich strenge Kontrollen durchgeführt. Was auffällt wird aussortiert und „verwalzt“ und zum Einschmelzen an die Industrie zurückgegeben. Ein "Durchrutschen" einzelner Verprägungen wird sich jedoch nie völlig ausschließen lassen und so wünsche ich Sammlern und Suchern noch viel Erfolg beim Durchforsten der letzten Rollen und Säcke unserer auslaufenden Währung - und bald auch mit cents und €.

Viele Grüße: starlight
starlight ist offline   Mit Zitat antworten