Bruchmünzen und Bruchgeld

Ich finde die Idee der - ich nenne es mal Tablettenmünze - nicht abwegig. Das metrische System wurde laut wikipedia ja erst 1793 eingeführt und ist noch nicht bei allen Ländern umgesetzt worden (z.B. den USA), so dass die Idee durchaus hätte verwirklicht werden konnte. Abgesehen von den gezeigten vornumismatischen Zahlungsmittel stelle ich mir dabei den Herstellungsprozess anspruchsvoll vor, der in den Zeiten, in denen Kurantmünzen noch Standard waren, nicht so leicht umgesetzt hätte werden können. Es gilt dabei zu achten, dass die Bruchstücke in genau gleiche Massen haben, und ebenso, dass die Summe der Bruchstücke wieder das Ganze ergeben. Die Legierung und die Dicke der Sollbruchstelle müsste genau definiert werden. Ob dies ca. 1750 schon möglich gewesen wäre?
 
Zum Bruchgeld im alten China:
Es ist wirklich spannend wie verschieden die Gepflogenheiten im alten China noch waren, z.B. im Hinblick auf Stückelungen, fehlendes Währungszeichen oder Unterteilungen.

Was mich etwas überrascht ist, wie klein die abgebildeten Exemplare dann doch sind. Auf den Fotos hätte ich die Stücke größer eingeschätzt. Wenn es sich um ein Kurantsystem gehandelt hat, dann bedeutet das aber auch, dass Kupfer damals extrem viel Wert gewesen sein muss, sofern die Perlen eine relevante Kaufkraft besessen haben sollen (was wohl anzunehmen ist). Dies erklärt sich vermutlich mit der gerade begonnenen Bronzezeit (in China ab ca. 2.200 Jahren v.Chr.), wordurch vermutlich eine sprunghaft angestiegene Kupfer-Nachfrage zu bewältigen war. Der Preis für dieses Metall dürfte entsprechend hoch gewesen sein, ehe rund tausend Jahre später die Eisenzeit einsetzte.

Was ich ebenfalls spannend finde:
Wenn wir sagen, dass es sich um ein Kurantsystem handelt und es verschiedene Nominale (1 und 10) gab, deren Gewichtsverhältnisse sich jedoch nicht um den Faktor 10 unterscheiden, dann muss das niedrigere Nominal (hier also die 1) zwangsläufig attraktiv für den Schmelzofen gewesen sein, um den Rohstoffwert zu nutzen. Insofern muss die Obrigkeit das Einschmelzen irgendwie unterbunden haben (siehe heute das Einschmelzverbot in den USA für Kleinmünzen) oder musste alternativ in Kauf nehmen, dass die 1er-Nominale nach und nach den Geldkreislauf verlassen haben. Dass wir dann heute noch 1er-Nominale finden können, wäre im letzteren Fall jedoch unwahrscheinlich.

Dass die Zahlzeichen (+ und -) hier nicht vertieft, sondern mitgegossen und somit erhöht sind erklärt Einiges. Das senkt die Fälschungsgefahr natürlich erheblich. Danke für die Aufklärung!

Ich habe den Thread in der Zwischenzeit mal umbenannt, um nicht nur Münzen zu erfassen, sondern wie am Beispiel Chinas ersichtlich auch andere Geldsysteme. Auf jeden Fall sind das alles sehr spannende Ausführungen zum Thema Altes China. Danke dafür! Dass es schwierig ist, hier an lesbare Forschungsergebnisse zu gelangen kann ich mir gut vorstellen. Da beneide ich die China-Sammler definitiv nicht.

@ nevada51:
Die Einführung eines solchen Systems in der vor-globalisierten und noch nicht dezimal-genormten Welt wäre auch aus meiner Sicht durchaus möglich gewesen. Offenbar hat sich auch aufgrund der hier angesprochenen Problematiken aber wohl nie jemand so recht an das Thema herangetraut. Gerade die von dir genannten, erforderlichen niedrigen Fertigungstoleranzen wären bis zum Beginn der Industrialisierung vermutlich nicht erreichbar gewesen, was die Einführung einer Bruchmünze wohl verteitelt hat. Und als derartig nierige Toleranzen dann möglich waren, war es gesellschaftlich bereits zu spät um derartige Veränderungen noch vornehmen zu können.

Insofern bleiben alle unsere Überlegungen hier wohl rein hypothetisch.
 
Ich kann auch noch ein Beispiel für Schnittgeld beisteuern.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war Silber in Tibet so rar, dass Prägeaufträge für Silbermünzen in Nepal beauftragt werden mussten. Dort schlug man minderwertigere Münzen im Typus eines Mohars für den Umlauf in Tibet.
Im Zielland angekommen wurden die Stücke zerteilt und somit „wechselgeldfähig“ gemacht.

Die Stempelschneider achteten darauf, dass die Münzen auch entang des Motivs der Lotosblüte geschnitten wurden. Was als Schneideabfall zurück blieb, konnten die Schneider behalten. Sie lebten praktisch von den Resten des Zerteilens.

Der Krause-Mishler unterscheidet u.a. folgende Typen, die mir vorliegen:

NP-0485_1200px.jpg
1 Sho (KM #485)

NP-0483-1697_1200px.jpg
3/4 Sho (KM #483)

NP-0481_1200px.jpg
1/2 Sho (KM #481)
als klassisches Schnittgeld


NP-0486-1697_1200px.jpg
1 Sho (KM #486)

NP-0482_1200px.jpg
1/2 Sho (KM #482)
entlang der Lotosblüte geschnitten.
 
Ein tolles Stück Münzgeschichte! Vielen Dank, Seltengast, für deinen Beitrag. Das kommt den von mir ersponnenen Bruchmünzen ja schon recht nah, auch wenn der Grund damals in Tibet natürlich ein anderer gewesen ist.

Bei den ganzen Geschichten aus Fernost kommt man sich ja beinahe vor wie in 1001 Nacht. Dagegen wirkt die europäische Münzgeschichte, bzw. zumindest der Teil von dem ich weiß, regelrecht langweilig. Offenbar haben wir Europäer zu wenig Fantasie für derartige Dinge.

Gibt es ggf. ein Buch, welches ihr empfehlen könnt, in dem die genannten und weitere Kuriosa der Geldgeschichte vorgestellt werden? Das würde mich echt interessieren.
 
Unter folgendem Link werden auch noch Beispiele für "europäisches" Schnittgeld (welches jedoch in der Karibik zum Einsatz kam) erläutert:

Offenbar war Kleingeld auf der spanisch-britischen Insel Santa Lucia zeitweise derart knapp, dass die Münzen geteilt wurden. Die entstandenen Bruckstücke verbrieften fortan je nach Größe tatsächlich unterschiedliche Nominale. Ganz so unbeschrieben wie ich zwischenzeitlich dachte ist das Blatt "Bruchmünzen" also offenbar gar nicht. Erstaunlich, was die Münzgeschichte alles bereithält.
 
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