"Crash and Depression" - Die Weltwirtschaftskrise

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"Crash and Depression" - Die Weltwirtschaftskrise



Oktober 1929. New York. Wall Street.

An einem Donnerstagnachmittag starrt ein auf der Brüstung eines Hochhauses stehender Arbeiter in die entsetzten Augen vierer Polizisten die ihn fest umklammert halten.

"Springen Sie nicht ! So schlimm ist es nicht“ brüllt einer
der Polizisten. Prompt kommt die Gegenfrage des Arbeiters: „Wer will hier springen ? Ich putze hier doch nur die Fenster.“

Was geschah in der New Yorker Wall Street, dass es die Polizisten in diese schwindelerregende Höhe trieb ?

Es stand in diesen Tagen nicht jeder auf den Dächern der Stadt um Fenster zu putzen. Die meisten von ihnen wollten ihrem Leben wohl einfach nur ein Ende setzen.
Sie hatten alles verloren, waren bankrott und standen vor dem Ruin.
Kleine Haie wie große Fische.

Doch was war geschehen ?

Die amerikanische Wirtschaft erlebte in den Monaten vor dem denkwürdigen Ereignis auf dem Dach ihre schlimmste Talfahrt der Geschichte.

In den 20er Jahren boomte die amerikanische Wirtschaft.
Autos, Radios und Konsumartikel fanden einen regen Absatz und dementsprechend wuchsen die Unternehmen. Ihre Aktien mit ihnen.
Immer größere Teile der Bevölkerung stiegen in das Geschäft mit den Firmenanteilen ein.

Der schnelle Profit lockte. „Playing the market“ war längst zum Volkssport geworden. Wechselten 1923 noch 236 Millionen Aktien die Hand, waren es 1928 bereits 1125 Millionen. Das katastrophale an diesem Volkssport war nicht, DAS er betrieben wurde, sondern WIE.

Um mitkaufen zu können nahmen selbst Kleinanleger große Kredite auf.
Aus hundert Dollar konnte man schnell ein paar Tausend machen und den Kredit zurück zahlen. Wenn man richtig investierte.

Im Herbst 1929 stiegen die Preise für Aktien in schwindelerregende Höhe.
Das reinste Börsenfieber grassierte. Manchem Börsenbesucher kam es wie ein Straßenkampf vor, wenn die Broker versuchten sich gegenseitig auszustechen.

Den ersten Anlegern kamen bereits Zweifel.
Die Gewinne der Firmen gingen zurück, und mit ihnen sicher bald die Aktienkurse. Vorsichtig verkauften die Zweifler ihren Aktien.
Anfangs sicher belächelt stieg deren Zahl von Tag zu Tag an. Bald waren es so viele, dass die Kurse zu fallen begannen.

Ein Großteil der Investoren behielt seine Aktien in der Hoffnung dass die Preise wieder steigen würden. Aber die Talfahrt wurde immer schneller. Panik brach aus.

Am 24.Oktober 1929 - dem „Black Thursday“ – wurden Aktien im Wert von
13 Millionen US-Dollar verkauft. Am folgenden „Terrifying Tuesday“ waren es noch einmal 16,5 Millionen Dollar. Am Ende des Jahres waren Aktien im Wert 40 000 Millionen Dollar abgestoßen worden.

All die, die auf Kredit gekauft hatten standen vor einem Scherbenhaufen.
Die Blase war geplatzt, und die „Swinging Twenties“ vorbei.

Erst schob man die Schuld den Politikern zu. Präsident Hoover hatte am Anfang seiner Regierungszeit eine Nichteinmischung in die Wirtschaft versprochen. Dann waren Broker und Investoren dran.

Doch der wirkliche Grund lag bei der Bevölkerung selbst: Während die Wirtschaft immer weiter expandierte sanken die Umsatzzahlen. Warum ?
Zu wenig des Erwirtschafteten fand seinen Weg zurück in die Hände der Farmer und Arbeiter. Die wenigsten Teile der Bevölkerung waren Ende der Zwanziger überhaupt in der Lage die von ihr produzierten Güter wirklich zu kaufen. Vor den Menschen lag eine unsichere Zukunft.

Man entschied sein Geld zu sparen, anstatt auszugeben.
Radios und Autos wurden zur Nebensache, während die Fabriken munter weiter produzierten. Man hoffte auf den Auslandsmarkt, doch auch der war nahezu tot.

Europa litt noch unter den Folgen des Krieges.
Man lebte von Krediten die zumeist von amerikanische Banken gewährt wurden. Die aber riefen ihr Geld in Folge des Börsencrashs zurück.

Nun ging auch der europäischen Bevölkerung ging das Geld aus.
Die Waren blieben unverkauft in ihren Regalen liegen.
Zuerst verhängte man Einstellungstopps und fuhr die Produktionszahlen nach unten.

Schließlich kamen die Entlassungen. Ende 1931 waren 8 Millionen Amerikaner ohne Arbeit. Nur hatten die, im Gegensatz zu ihren Kollegen in Deutschland und Großbritannien, kein Anrecht auf ein minimales Arbeitslosengeld.

Viele waren inzwischen ohne Heim und Essen.
Man lebte von der Wohlfahrt und verbrachte die Großzeit des Tages damit in „Breadlines“ um eine warme Mahlzeit anzustehen.

Bis 1932 wurden 100 000 Banken und Betriebe geschlossen und die Produktion um die Hälfte heruntergefahren. Löhne wurden nur noch zu vierzig Prozent ausgezahlt und die Summe für Neuinvestitionen um neunzig Prozent reduziert. Inzwischen war jeder vierte ohne Arbeit. Summa summarum 12 Millionen Menschen. Wenn jemand etwas kaufte, dann nur zum tiefstmöglichen Preis.

Nicht umsonst heißt diese Zeit „Great Depression“.
Die Bevölkerung war verzweifelt. Farmer bewaffneten sich und warfen Gläubiger kurzerhand mit Waffengewalt von ihren Farmen.

Wie sollten sie schließlich ihren Schulden zahlen, wenn niemand ihr Korn kaufte ?

Man verlangte von Hoover endlich striktere Maßnahmen gegen die Krise.
Der versprach auch prompt das der Aufschwung nur „ just around the corner“ wäre.

Doch die Fabriken blieben geschlossen und die Bevölkerung hungrig.

Der Demokrat Franklin D. Roosevelt betrat nun die Bühne des Geschehens.
Von seiner Partei wurde er gegen Hoover zur Präsidentschaftswahl aufgestellt.

Der Bevölkerung kam der energiegeladene, in seiner Kindheit an Polio erkrankte, Kandidat nur Recht. Alle Hoffnungen ruhten in einem politischen Wechsel. Roosevelts Strategie bestand darin, die Wirtschaft durch die Regierung lenken zu lassen. Er versprach der Bevölkerung einen „New Deal“ und sie dankten es ihm am 9. November 1932 mit der Wahl zum Präsidenten. Wohlgemerkt mit der gößten Mehrheit in der amerikanischen Geschichte.

Der „New Deal“ war wohl einer der großangelegtesten Wirtschaftsoffensiven seit der Gründung der Vereinigten Staaten. Man legte Wirtschaft in die Hände vieler neugegründeter „Agencies“.
Staatliche Organisationen die ihr wieder in die richtige Bahn verhelfen sollten. Davon gab es in kurzer Zeit so viele, dass man von einer „alphabet soup of agencies“ sprach.

Schließlich hatte sie alle wohlklingende Namen die sich wunderbar abkürzen ließen. CCC, CWA, TVA, AAA und viele weitere waren bald jedem US-Bürger ein Begriff.

Der Plan ging auf: Man führte die 30-Stunden-Woche und einen freiwilligen Arbeitsdienst ein, 122 000 öffentliche Gebäude, 77 000 Brücken und mehr als 1 Million Kilometer Strasse wurden gebaut. Die Produktion von Agrargütern wurden beschränkt und damit ein vernünftiger Preis für die Farmer geschaffen. Und als letzten wichtigen Punkt: Die US-Bürger bekamen nun endlich eine staatliche Rente und eine funktionierende Arbeitslosenhilfe.

Im Prinzip schien ja nun wieder alles in Ordnung zu sein.
Doch es schien nur so. Roosevelts Maßnahmen belebten den Arbeitsmarkt nur kurz und schon 1935 kam es zur nächsten Krise.

Wieder stagnierte die Wirtschaft.
Die US-Regierung erkannte das man für eine florierende Wirtschaft auch das Ausland braucht.

Erst als vollständig erholt kann man die amerikanische Wirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg bezeichnen. Die gesteigerte Kriegsproduktion gab der Wirtschaft den letzten entscheidenden Stoß in die richtige Richtung.
Ab nun ging es endlich aufwärts.


Bild 1:

Das Objekt der Begierde.
Eine Aktie der Prairie Pipeline Company vom Beginn
der 30er Jahre.


Bild 2:

Eine Dime von 1942.
Inzwischen läuft die Wirtschaft wieder runder.
 

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lander-historic-arms.de
Toll:respekt:

Es ist immer interessant, historische Vorgänge in knapp gefasster Form, die dennoch alles Wichtige erwähnt, zu lesen. Genau DAS ist das Salz in der Suppe
Gruß
corrado26
 
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@ Don Carleone
toller Beitrag, ich hoff es stört Dich nicht, wenn ich kurz was ergänzend zu diesem Thema poste.
Aktienkurse in Dollar 1929:
Chrysler 135, General Motors 92, United Steel 375.
Aktienkurse in Dollar 1932:
Chrysler 5, General Motors 4 1/2, United Steel 22,
...außerdem prägte die Münze rund 112 000 000 Fünf Cent Münzen, für Leute die nun U-Bahn fahren mußten und vorher mit Chauffeuren oder eigenen Autos unterwegs waren.
ein Punkt, den sich Leser des Goldthreads..."Gold steigt und steigt" vielleicht einmal zu Gemüte führen sollten....mitentscheidend für das durchbrechen der Deflation in diesen trüben Zeiten, war die Entscheidung von Roosevelt den Dollar vom Goldstandard zu lösen. Die Währung wurde abgewertet und so die Wettbewerbsfähigkeit der Amerikander wiederhergestellt. Man stand am Beginn einer neuen Ära. (Quelle: Kostolanys Kapitalgeschichten)
Grüsse
 
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Don, :respekt: wenn ich das so in Ruhe betrachte, kommen mir irgendwie bestimmte Punkte und Formulierungen doch sehr bekannt vor. Teils braucht man nur Daten und Namen auszutauschen.

Wir hatten auch vor kurzem auch so eine gute Zeit. Lohnerhöhungen von bis zu 12 Prozent, die Zinsen für meine Guthaben waren höher als die Schuldzinsen für meine Hypothek, die wurde selbstverständlich nicht zurückgezahlt, und dann kam "Newmarket". Skeptisch wie ich war, hab ich mir stattdessen Münzen gekauft - ihr kennt die Story sicherlich alle viel genauer - jedenfalls meine Münzen habe ich immer noch.
 
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diwidat schrieb:
Don, :respekt: wenn ich das so in Ruhe betrachte, kommen mir irgendwie bestimmte Punkte und Formulierungen doch sehr bekannt vor. Teils braucht man nur Daten und Namen auszutauschen.

Stimmt.
Das ist wirklich frappierend, wenn man alte Börsenberichte aus 1929 liest und diese dann mit den Berichten aus Oktober 1987 (darüber habe ich meine Diplomarbeit geschrieben) oder März 2003 (ist wohl allen noch in Erinnerung) vergleicht. Da steht einfach das gleiche drin. Wir Menschen lernen nicht.

Gruß,

Euromartin
 

B555andi

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Hallo Don,

vielen Dank für Deinen informativen und kurzweilig geschriebenen Artikel. Du hast die wichtigsten Fakten und Zusammenhänge gut auf den Punkt gebracht! :)

@Rex Danny
Solche Ergänzungen finde ich persönlich ebenfalls sehr interessant und wichtig. Ich glaube auch nicht, dass sich einer der "Autoren" in unserer Rubrik dadurch gestört fühlen dürfte.
 
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Naja... um zu sehen wie wenig die Menschen lernen kann man noch etwas weiter in der Geschichte zurückgehen...

Der Tulpenwahn im 17. Jahrhundert in den Niederlanden war ähnlich strukturiert.

Wen es näher interessiert- kann dieses Buch dazu sehr empfehlen: Dash, Mike (1999): Tulpenwahn - Die verrückteste Spekulation der Geschichte, München.
 
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Da ist mir der Tulpenwahn, den der Markgraf von Baden in Karlsruhe vor 200 Jahren praktizierte, vergleichsweise viel angenehmer.
 
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