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Gold gab ich zur Wehr. Eine Medaille aus dem Jahr 1916

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Am 28. Juni 1914 wurden der österreichische Thronfolger und seine Frau in Sarajewo ermordet, 37 Tage später tobte der Krieg.

Neben Bildern von begeisterten Massen und freudig zur Front fahrenden Soldaten ist die kollektive Erinnerung an den Kriegsausbruch fest mit dem Schlagwort « Gold gab ich für Eisen « verknüpft. Das Ende der alten Welt war auch das Ende der Goldgeldes, das ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für stabile wirtschaftliche Verhältnisse gesorgt hatte.

In « Der Eiserne Gustav « liest sich die Goldabgabe wie folgt :

»Es fehlt noch ein Ring. Wo hast du deinen Ring, Evchen?«

»Ich habe doch keinen Ring, Vater!« widersprach Eva.

»Natürlich hast du einen! Solchen mit einem braunen Stein. Nicht wahr, Mutter, Evchen hatte einen Ring ...?«

Die Mutter saß weinerlich vor dem runden Tisch in der Wohnstube, auf den der Vater alles gelegt hatte, was an Gold im Hause war: seine geliebte dicke Uhr mit der schweren Kette; die kleine, mit Emaille verzierte Uhr der Mutter, die an einer Schleife aus Gold auf der Brust getragen wurde; eine goldene Bleistifthülse; ein Paar große Manschettenknöpfe, deren Goldgehalt nicht ganz zweifelsfrei war. Ein Goldkettchen mit goldenem Kreuz, das die Sophie zur Konfirmation bekommen hatte. Die ehemals dicken goldenen Eheringe, die Zeit und Arbeit glatt und dünn geschliffen hatten. Eine goldene Brosche mit einer daranhängenden – falschen – kleinen Perle. Sieben goldene Zehnmarkstücke, fünf zu zwanzig Mark.

An den Mauern, auf den Litfaßsäulen klebten überall die Plakate: »Gold gab ich für Eisen! Bringt euer Gold zur Goldankaufstelle!« Die Zeitungen schrieben alle Tage davon, vielfach bewundert gingen Herren herum, die schon die schmale Eisenkette statt der goldenen auf der Weste trugen.

»Kein Stück Gold bleibt im Haus!« rief Vater Hackendahl. »Wir müssen alles abliefern! Haben wir nicht noch was? Mutter, hattest du nicht mal so kleine Dinger in den Ohren, keine Ohrringe, mehr wie Knöpfe – ich erinnere mich doch!«

»Ach, Vater«, jammerte die alte Mutter, »die kleinen Dinger – laß sie mir doch! Ein bißchen muß man doch aus seiner Jugend für sich behalten dürfen. Sie wiegen rein gar nichts, so eine Kleinigkeit kann der Regierung doch auch nichts helfen ...«

»Nichts da!« entschied Hackendahl. »Wir sollen unser Gold der Regierung geben, und da tun wir's auch! Ich versteh dich nicht, Mutter!. Du hast den Erich und den Otto hergeben müssen, und nun weinst du wegen so ein paar Golddingern!«

»Ich weine aber auch wegen Erich und Otto«, sagte die Frau und stand mühsam auf. »Immer, wenn ich den Postboten auf der Treppe höre, muß ich weinen ...«

»Ich weiß ja, Mutter!« sagte er begütigend. »Es ist nicht leicht, aber es wird doch getan, damit wir siegen. Und wir kriegen Eisen dafür, Mutter! Wozu heiß ich denn der eiserne Gustav?! Eisen paßt viel besser zu uns als Gold.«

»Ich geh ja schon, Vater!«

Und sie ging in die Schlafstube. Der Vater sah sich um, Eva war auch gegangen. Nein, er hatte Eva nicht vergessen, er sah den Goldhaufen an: Der Ring war nicht dabei. Man muß alles hergeben, dachte er. Wenn man das Liebste für sich zurückbehält, dann ist es ja kein Opfer. «

Wie freudig nun haben die Deutschen geopfert ?

Die fortwährenden Goldablieferungen, namentlich die Ablieferung von Reichsgoldmünzen waren regelmässig Gegenstand der Reichstagsunterlagen. In den Reichstagsprotokollen ist der jeweilige Goldzufluss nachzulesen:

Verhandlungen des Deutschen Reichstags

Vom 31. Juli 1914, dem Tag, an dem die Reichsbank die Einlösung ihrer Noten einstellte, bis zum 31. August 1916 verdoppelte sich der Goldvorrat der Reichsbank von 1253,2 Millionen Mark auf 2469 Millionen Mark , worin auch die Mittel des in Spandau aufbewahrten Reichskriegsschatzes in Höhe von 205 ( ! )Millionen Mark enthalten waren. Dies bedeutet mit anderen Worten, dass die geplante Verdoppelung der Spandauer Reserven von 120 auf 240 Millionen Mark bei Kriegsausbruch noch nicht abgeschlossen war. 910 Millionen Mark in Reichsgoldmünzen stammten einzig und allein aus der Bevölkerung, keine kleine Summe, wenn man bedenkt, dass von 1871 bis 1914 allein Doppelkronen im Werte von rundt 4500 Millionen Mark geprägt wurden.

In den Goldankaufsstellen, so die Reichstagsprotokolle hatte auch jeweils ein Sachverständiger zu sitzen, der kulturell bedeutsame Goldgegenstände vor dem Einschmelzen bewahren sollte.

Im August 1916 beschloss der Reichstag die Ausgabe eines « eisernen Gedenkstückes, dass den Einlieferern von « Goldsachen « im Werte von mindestens 5 Mark in den Goldankaufstellen verliehen wurde. Bei einer geringeren Summe gab es ein Gedenkblatt. Wer seine goldene Uhrkette abgab, erhielt zwar eine aus Eisen, dies jedoch nur gegen Zuzahlung der Herstellungskosten. : Verhandlungen des Deutschen Reichstags

Das Gedenkstück, so ist es in den Reichstagsprotokollen nachzulesen, war eigens gegen Nachahmung und privaten Missbrauch geschützt : Verhandlungen des Deutschen Reichstags

Warum gab es dieses « Gedenkstück « erst zwei Jahre nach Kriegsausbruch ? Schaut man sich die Ablieferungszahlen an, wird deutlich, dass der Goldfluss im Laufe des Jahres 1915 abnahm. Waren im August 1914 noch gut 90.000.000 Mark in Gold von Privaten abgeliefert worden, war es im August 1916 nicht mal mehr eine Million.

Möglicherweise war die die eiserne Opfermedaille ein Erfolg .

1917 vermerken die Reichstagsprotokolle, dass der Goldbestand der Reichsbank von Kriegsbeginn bis Herbst 1917 in etwa konstant bei gut 2500 Millionen Mark lag. Weiterhin wird von einem steten Zustrom von Reichsgoldmünzen und Goldsachen berichtet: Verhandlungen des Deutschen Reichstags

Die laufenden Auslandsgeschäfte konnten dabei stets aus den wöchentlichen Ablieferungen bestritten werden. Eine der Ausgaben für das Jahr 1917 war die finanzielle Ausstattung des Genossens Lenin, der vom deutschen Geheimdienst aus der Schweiz nach Russland gekarrt wurde, um das dortige System zu zersetzen. Mit Erfolg. Der Duchbruch des Kommunismus wurde mit deutschen Doppelkronen finanziert.

Interessant ist, dass beim Kriegsgegner England weitaus weniger Gold abgeliefert wurde. Der Goldbestand in London wuchs nur um gut 365 Millionen Mark. Den gut 225 Millionen Doppelkronen der Jahre 1871 bis 1914 stehen etwa 310 Millionen Sovereigns allein in London gegenüber. Allerdings liegen die Prägezahlen noch höher, doch für die Zeit vor 1890 sind die englischen Unterlagen lückenhaft. Waren die Engländer weniger folgsam als die Deutschen ? Auch die Regierung in London hatte bei Kriegsbeginn die Einlösung der Banknoten ausgesetzt. « Die Öffentlichkeit wird gebeten, kein Gold mehr zu verlangen « , verlautete es in typisch britischem Understatement aus Westminster. Ungehorsam, kein Interesse an so einer Balkanklitsche, von der , so der englische Aussenminister Grey ,kaum ein Engländer jemals gehört hatte ? Oder vielleicht doch eher ein Ausdruck dafür, dass in der englischen Bevölkerung schlicht und einfach weniger Gold vorhanden war, als in Deutschland , wie die Reichstagsprotokolle feststellen.? Zwar hatte England seit 1817 eine Goldwährung, den Sovereign zu 20 Shillings, doch habe ich den Eindruck, dass im täglichen Verkehr die Banknoten das Gold de facto weitestgehend ersetzt hatten. Die Bank of England verausgabte vor dem 1. Weltkrieg Noten in den Werten von 5, 10, 20, 50, 100, 200, 500 und 1000 Pfund Sterling. In Mark ausgedrückt bedeutet dies, dass der kleinste Schein etwa 100 Mark wert war, der grösste Wert ganze 20.000 Mark, der Lohn , den zwanzig Arbeiter im Kaiserreich im Laufe eines Jahres verdienten. Aus Filmen und Romanen lässt sich durchaus der Eindruck gewinnen, dass diejenigen, die es gewohnt waren, über grössere Betrage zu verfügen, sich vorwiegend an Papier hielten. Der Dieb, der in « In 80 Tagen um die Welt « einen Rollgriff in die Hauptkasse der Bank of England tätigte, nahm einen Packen Fünfhundertpfundnoten mit und auch Noah Claypole führt sich bei Faggin mit einem gestohlenen Fünfer aus Papier ein. Zwar gab es im englischen Zahlungssystem ähnlich wie im Deutschen eine grosse Lücke zwischen der grössten Scheidemünze und der kleinsten Banknote, aber ich habe den Eindruck, dass Gold in Deutschland eine grössere Rolle im Alltag gespielt hat, wärend es im Empire weitestgehend Masse dem Aussenhandel vorbehalten war.

Leider habe ich in den Reichstagsprotokollen keine Zahlen für die Schlussphase des Krieges gefunden. Nach 1918 soll dann das Gold der Reichsbank abgeliefert worden sein. Trotzdem muss viel übrig geblieben,beziehungsweise wieder zurückgekehrt sein. Der Numismatiker Willy Fuchs berichtete in den 70er Jahren, dass es ihm ein Leichtes war , Anfang der 30er Jahre im Bekanntenkreis alte Reichsgoldmünzen zu kaufen. Ûber 300 Stück nannte er 1938 sein Eigen, als die nächste Goldablieferung, diesmal in Form eines kruden Verbotes kam.

Auch lässt sich so erklären, dass der « Billige Willi «, also preussische Doppelkronen in ss- vz noch immer als Anlagegold gehandelt wird und auch sehr viele andere Reichsgoldtypen in gehobener Erhaltung sehr leicht zu erhalten sind.

Mag auch Vieles « Zur Wehr « gegeben worden sein– viele Füchse wurden sicher zurückgehalten, allen eisernen Ehrenzeichen zum Trotz

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Medaille Av.JPG
P1100558.JPG
J 253 1915 A Av (2).JPG
J 253 1915 A Re (2).JPG
 
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Danke an Kronerogore für den sehr gut geschriebenen Artikel!
Ich geb dir recht:
Alles ist bestimmt nicht abgeben worden, weder im WK1 noch im WK2, sonst gäbe es heutzutage nicht so viele Exemplare.

Ich muß doch mal ein paar Fotos zum Thema beisteuern.
Noch etwas zum Thema: Die sogenannten KRIEGSNAGELUNGEN-Denkmale, hier der entsprechende Wiki-Eintrag:
 
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Von den Medaillen gab es einige Hersteller, sie unterscheiden sich nur winzig in den Details.
Man bekommt sie heute immer noch relativ einfach zu günstigen Preisen, so zw 5-15 €.
In Ebay ist auch ein seltener Bronzeabschlag der Medaille drin.
Die Eisenmedaillen wurden oft auch als Halskette gefaßt, mit Silberring, wie man ihn von gefaßten Maria-Theresien-Talern kennt.
 

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Hier die im ersten Beitrag erwähnte Uhrenkette. Was mir noch fehlt ist ein eiserner Fingerring, den man damals für sein abgegebenes Gold bekam.
Was es ebenfalls gab: Taschenuhren in geschwärztem Eisengehäuse, die findet man aber nicht so häufig. Die Besitzer wissen oft gar nicht, warum die Uhren aus schwarzem Eisen sind.
 

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Literatur zum Thema: Kriegsplakate!
 

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Und noch eine Kriegsanleihe, die man damals zeichnen konnte.
 

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Vielen Dank fuer das schoene Konvolut, mit dem Du meinen Artikel ergaenzt hast.
 
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Dein Beitrag hat dazu geführt, dass ich mich sammeltechnisch mal wieder um das Thema gekümmert habe.
Wenn alles glatt geht, kommt die nächsten Tage mein erster Ring zu mir (VATERLANDSDANK, wohl die häufigste Ausführung).

Wenn man bei Ebay als Suchbegriff "Gold gab ich" eingibt, taucht einiges auf. Das spannendste Stück ist übrigens eine gusseiserne Bratpfanne mit dem Motto!
 
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Sodele, hier 2 Ringe aus der Zeit. Wurden wohl hauptsächlich von Frauen getragen, ich habe keine großen Ringgrößen gefunden. Es gab noch andere Ausführungen.
Und an den, der mir bei Ebay den Orden mit dem "Eisen-Motto" vor der Nase weggesteigert hat: Gratuliere, mein Neid ist dir gewiss. ;)
 

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